Hilfe, mein Kind will nicht ins Bett!

Hilfe, Mein Kind will nicht ins Bett!

Allabendlicher Stress mit dem Zubettgehen. Dabei gibt es doch so ein kontinuierliches Einschlafritual, zahlreiche Ankündigungen der Bettgehzeit und trotzdem: Verweigerung, Hinauszögern und lauter Protest. „Ich habe noch Durst“ „Ich habe Angst alleine.“ „Ich will noch nicht ins Bett.“ „Das ist gemein, ihr dürft noch aufbleiben!“. Manche Eltern haben die Vorstellung, sie müssten ihrem Kind „abgewöhnen“ die Hand beim Einschlafen zu halten. Das Thema Bettzeit ist eher ein westliches Problem. In anderen Kulturen schlafen die Kinder irgendwann selbstverständlich in der Nähe der Erwachsenen ein, da es kulturell normal ist, dass sich die Kinder im gleichen Raum aufhalten oder einfach nicht die räumliche Möglichkeit besteht, die Kinder „auszulagern“.

 

6 nützliche Informationen über Kinderschlaf

  1. Einschlafrezept aus 3 Zutaten: Der Kinderarzt Renz-Polster schreibt in seinem Buch „Kinder verstehen“ kurz und knapp: Zum Einschlafen braucht ein Kind drei Zutaten:
    1. Das Kind muss müde sein! Züricher Schlafforscher belegen, dass Kinder häufig einfach nicht müde sind, wenn sie ins Bett gebracht werden.
    2. Das Kind muss entspannt sein. Entspannen kann sich das kindliche Stammhirn evolutionsbedingt nur, wenn vertraute Erwachsene sich in unmittelbarer Nähe befinden. Kleinere Kinder schlafen am besten ein, wenn sie getragen und gestillt werden. Im Laufe der Menschheitsgeschichte, sicherte dieses nähesuchende Verhalten das Überleben. Zwar sind die heutigen Kinderzimmer inklusive Kinderbettchen sicher vor Giftschlangen, Hyänen und anderen Gefahren, aber das ist in diesem relativ geringen Zeitabschnitt noch nicht in unseren Gehirnen verankert. Evolutionsbiologisch ist es vollkommen gesund, die Nähe der vertrauten Mitmenschen rigoros einzufordern.
    3. Das Kind braucht Mitbestimmung. Der Biorhythmus des Menschen ist nicht einfach zu beeinflussen. So wird ein Kind beispielsweise in einem 50 Minuten Zyklus müde. Nebenbei bemerkt: Kinder regulieren ihre Aktivitäts- und Ruhephasen erstaunlich natürlich. Sie brauchen keinen induzierten Aktivitäts- und Ruhephasen, wie das selbst in einigen alternativen Konzepten zu finden ist. (z.B.Montessori, Waldorf) Achte auf die Signale Deines Kindes. Wenn es eine Ruhepause einlegt, sich die Augen reibt, ist es höchstwahrscheinlich Zeit die Einladung anzunehmen. Kleine Kinder wollen nun gestillt werden und optimalerweise an der Brust einschlafen, getragen werden oder zumindest in Sicht- und Hörweite der Schutzbefohlenen sein. Etwas größere Kinder lieben nach dem Waschen und Zähneputzen noch Geschichten lesen, Erzählen, Singen, Kuscheln oder auch eine Toberunde, wenn die Müdigkeitsphase überschritten ist.
  2. Empathie: Wenn Du das Gefühl hast, Dein Kind ist „nicht normal“. Oder Du glaubst, es ein Mangel/ ein wahres Defizit, nicht allein einschlafen zu können, kannst Du Deinem Kind bedingungslos vertrauen! Sätze wie: „es schafft noch nicht selber einzuschlafen“ es hat noch nicht gelernt im eigenen Zimmer zu schlafen“ kannst Du beruhigt vergessen. Dein Kind sorgt hervorragend für sich, es hat noch nicht verlernt hinreichend für sich zu sorgen: denn, wenn es satt und müde ist, ist das Beste was es noch bekommen kann: vertrauensvolle Personen in seiner unmittelbaren (schutzbringenden) Nähe. Das Wichtigste in seinem Leben sind die Eltern oder vergleichbare nahestehende Personen. Um Mitgefühl zu entwickeln: Vielleicht erinnerst Du Dich an Deine Kindheit: Bist Du immer gern von allein ins Bett gegangen? Hättest Du Dir vielleicht auch gewünscht, noch bei Deinen Eltern bleiben zu können?
  3. Schlaflänge: Wenn Du Dich an „der durchschnittlichen Schlaflänge“ (welche im Internet frei verfügbar sind) orientierst, kann das irritierend sein. Zum einen differieren die Angaben stark, so weichen die Angaben teilweise je nach Alter um die 2-3 Stunden ab! Zum anderen: die Angabe des Durchschnittes sagt nichts über Dein Kind aus. Die Durchschnittsangaben unterliegen einer Gaußschen Normalverteilung, dass heißt dass sich circa 68 % der Kinder in diesem Alter durchschnittlich um den Mittelwert von beispielsweise zehn Stunden verteilen. Bei den restlichen Kindern schlafen um die 16% mehr und 16% schlafen weniger als die Kinder im Normalbereich. Das Schlafverhalten der Kinder ist ein Nullsummenspiel: Kinder die früh ins Bett gehen, stehen auch früh auf. Nicht selten berichten mir Eltern, dass ihre Sprösslinge fünf oder sechs Uhr auf der Matte stehen. Die Frage nach der Bettgehzeit erübrigt sich. Wenn sich viele Eltern wünschen, ihre Kinder sollten mehr schlafen, ist das meistens ein Signal für unerfüllte Bedürfnisse seitens der Eltern!
  4. Schlafzyklen. Der Mensch hat durchschnittliche Schlafzyklen von 90 Minuten, die sich in verschiedene Wachheitsgrade unterteilen. Ein Schlafzyklus beginnt mit einem leichten Schlafzustand, geht über in den Tiefschlaf und endet im REM-Schlaf (REM= Rapid-Eye-Movement), der sich auch durch einen relativ hohen Wachheitszustand auszeichnet. Dann beginnt wieder ein neuer Schlafzyklus. Das Aufwachen fällt in den leichteren Schlafzuständen leichter. Daher kann es sinnvoll sein Dein Schlafverhalten und das Deines Kindes zu beobachten. Du kannst probeweise über 2 Wochen testen, ob Dir und Deinem Kind ½ Stunde, 1 Stunde oder 1 ½ weniger ausreichen, indem Du eine halbe Stunde früher oder später aufstehst. Versuche dann am Ende eines 90-Minuten-Zyklus aufzustehen, also beispielsweise nach siebeneinhalb oder neun Stunden Schlaf.
  5. Was dagegen spricht: Welche Gedanken hast Du, wenn Du an die Probleme denkst, die Euch das Schlafen gehen bereitet? Was für Argumente hast Du, dass Dein Kind zu einer Zeit schlafen sollte, zu der es nicht schlafen will? Erstelle Dir eine individuelle Liste, zum Beispiel:
    1. Es braucht den Schlaf und ist sonst am nächsten Tag im Kindergarten/ in der Schule nicht ausgeschlafen.
    2. Ich brauche die Zeit für mich, um aufzutanken, etwas für mich zu machen.
    3. Ich brauche die Zeit als Paarzeit. Unsere Beziehung leidet sonst darunter.
    4. Jetzt ist Elternzeit. Kleine Kinder schlafen um die Uhrzeit.
    5. Mein Bett brauche ich für mich allein. Es ist kein Platz fürs Kind. Das Bett brauchen wir als Paar für unsere Sexualität.
  6. Reflektiere Deine Liste. Nimm jedes Argument genau unter die Lupe und prüfe es auf Wahrheitsgehalt und ob es Deinen aktuellen, selbst gewählten Werten und Lebensmaximen entspricht. Beispielsweise so:
    1. Mein Kind braucht den Schlaf und ist sonst am nächsten Tag im Kindergarten/ in der Schule nicht ausgeschlafen.
      • Warum darf es nicht auch die Erfahrung machen, müde zu sein?
      • Wäre es schlimm, wenn es müde in den Tag startet?
      • Würde es langfristig nichts in der Schule lernen?
      • Würde es für mein Kind wirklich schädlich sein?
      • Gehe ich ins Bett, wenn ich müde bin?
      • Lerne ich daraus, wenn ich müde in den Tag starte?
    2. Ich brauche die Zeit für mich, um aufzutanken, etwas für mich zu machen.
      • Kann ich irgendwie ein anderes Zeitfenster für mich finden?
      • Kann ich mir ein Unterstützungssystem organisieren (Großeltern, Nachbarn, Freunde, Kinderfrau)
      • Tanke ich abends wirklich auf?
      • Was kann ich noch machen, um Kraft für den Tag zu sammeln?
    3. Ich brauche die Zeit als Paarzeit. Unsere Beziehung leidet sonst darunter.
      • Wie könnten wir als Paar ein anderes Zeitfenster finden? (Großeltern, Nachbarn, Freunde, Kinderfrau)
      • Tut uns die gemeinsam verbrachte Abendzeit als Familie vielleicht auch gut?
      • Was tun wir abends, was wir nicht auch zu einer anderen Zeit und an einem anderen Ort tun könnten?
    4. Jetzt ist Elternzeit. Kleine Kinder schlafen um die Uhrzeit.
      • Ist das tatsächlich so, überall auf der Welt?
      • Warum sollte das so sein?
      • Bin ich mir absolut sicher, dass das wahr ist?
    5. Mein Bett brauche ich für mich allein. Es ist kein Platz fürs Kind. Das Bett brauchen wir als Paar für unsere Sexualität.
      • Kann an das Bett angebaut werden? Ein Familienbett kann aus mehreren zusammengelegten Matratzen hergestellt werden. Vielleicht können auch Zimmer getauscht oder bedürfnisorientiert umfunktioniert werden.
      • Sexualität sollte idealerweise nicht auf „Abends im Bett“ reduziert werden. Sucht Euch andere Nischen, das kann einen belebenden Effekt auf Eure Partnerschaft haben

Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit! Bitte lass Dich nicht von Bestsellern wie „Jedes Kind kann schlafen lernen“ aus dem Konzept bringen, – Hör auf Dein Herz!