Wutausbrüche bei Kindern? Trotzphase? Hier kommt erste Hilfe!

Trotzphase, Wutausbrüche, Wutanfall – Erste Hilfe für Eltern

Heute schreibe ich zu einem Thema, welches mir sehr am Herzen liegt. Viele meiner Klienten haben ein und dasselbe Thema: sie erkennen sich nicht in ihrer Gänze an. Ihre traurigen, hilflosen oder wütenden Anteile wollen Sie am liebsten hinter sich lassen, besiegen oder darüber hinweg kommen. Dabei gehören auch die ungeliebten Anteile genauso zur Gesamtpersönlichkeit, wie die tugendhaften. Das Unvermögen dies zu verspüren liegt meistens in der eigenen Kindheit. Die meisten von uns sind groß geworden mit Sätzen wie „Das war doch nicht schlimm! Aber, nicht geweint! Ach, hab Dich nicht so, wenn Du heiratest, ist es wieder vorbei! Indianerherz kennt kein Schmerz! Jetzt ist aber wieder gut, sei nicht so ungezogen. Wenn Du jetzt nicht aufhörst, dann sind wir geschiedene Leute. Komm, sei lieb, Du bist doch mein Schatz!“ Nun ist diese Generation erwachsen und hat selber Kinder.

Doch fehlen uns meist geeignete Vorbilder, die zeigen, wie wir es nicht nur anders, sondern besser machen können. Wie gehe ich aber nun würdevoll mit einem schreienden Kind um? Die folgende Liste kann Dir dabei behilflich sein.

Erste Hilfe für Eltern bei Wutausbrüchen

  1. Ruhig bleiben, welche Stimmen hörst Du in Deinem Kopf? (Das ist doch peinlich, wenn das jemand sieht oder hört, was sollen die Leute denken? Vollkommen übertrieben, Das ist doch nicht normal! ect.)
  2. Verständnis entwickeln: Kinder sind in diesem Alter (1 ½- ca. 5) noch nicht in der Lage relativ zeitnah von ihrem Vorhaben abzuweichen, Alternativen zu entwickeln oder anzunehmen und zum nächsten Thema überzuschwenken. Die landläufig als Trotzphase bezeichnete Verzweiflung ist ein kognitiver Systemzusammenbruch. Das Kind ist enttäuscht und wütend zugleich.
  3. Beistand leisten. Wenn Du die Wünsche des Kindes nicht erfüllen kannst oder willst, kannst Du ihm angemessen „bei-stehen“.
    1. Frage Dich zuerst, ob Du es nicht doch ermöglichen kannst. Vielleicht kann das T-Shirt nass werden, das Kind länger aufbleiben, es doch noch x,y machen…
    2. Wenn Du ein sicheres Nein verspürst, stehe zu Deiner Entscheidung (sofern es keine externen, natürlichen Begrenzungen gibt, wenn z.B. der Wunsch über die Grenze einer dritten Person gehen würde oder es faktisch unmöglich ist).
    3. Biete Dir zur Verfügung stehende Alternativen an. Beschränke Dich auf das Anbieten, überrede Dein Kind nicht. Häufig ist das nicht der springenden Punkt. Wutausbrüche, die länger als 10 Minuten dauern, haben oft ein tiefer liegendes Thema zu verarbeiten. Es geht um Gefühle, die schon länger nicht ausgelebt werden durften. In unserer Gesellschaft werden die Kinder und auch die Erwachsenen meistens nur für einen Teil ihres Verhaltensspektrums anerkannt. Wenn sie laut, widerspenstig, unartig, launisch, weinerlich sind, werden sie nicht beachtet, ihre Gefühle negiert, später diagnostiziert und pathologisiert.
    4. Erkenne die Gefühle des Kindes an und reflektiere sie verbal. „Du bist enttäuscht, Du hattest Dir das genau vorgestellt, Du wolltest das…und jetzt geht es nicht. Das macht Dich traurig und wütend zugleich.“
    5. Es kann sein, dass Dein Kind beim Reflektieren noch wütender, trauriger wird und lauter schreit, doller tritt. Deute das als ein Zeichen seines Vertrauens: bei Dir fühlt es sich sicher, es kann alle Gefühle da sein lassen. Teile ihm trotzdem mit, dass Dir das zu laut ist, weh tut, Du einen Schritt zurück gehst, aber bei ihm bleiben wirst. Du brauchst das nicht ständig zu wiederholen, das Kind weiß das. Es ist nur momentan so mit sich beschäftigt, dass es auf die Worte, wenn es sie überhaupt hört, nicht eingehen kann. Versuche eine geeignete Nähe-Distanz zu finden, weit genug weg, um Dich zu schützen und eine emotionale Distanz zu behalten (es hat nicht mit Dir zu tun) und nah genug, um Beistand zu leisten.
  4. Selbstbild beleuchten. Im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung entsteht das Selbstwertgefühl durch eigenen Wahrnehmungen und Feedback von anderen. Jeder Mensch bildet diesbezüglich in dieser Zeit verschiedene Hypothesen. Zum Beispiel: „Keiner liebt mich“ „Meine jüngeren Geschwister werden mehr geliebt als ich.“ „Ich werde nur geliebt, wenn ich liebt nett und höflich bin“ u.s.w. Einmal gebildete Hypothesen werden nun unentwegt versucht zu bestätigen. Hat Dein Kind schon eine defizitorientierte Sich auf die Dinge, kannst Du nur immer und immer wieder versuchen seine Empfindungen aufzugreifen: z.B. „Jetzt schaust Du nach unten. Das wirkt auf mich so, als ob Du denkst, Du wirst nicht so sehr geliebt. Ist das gerade so bei Dir?“ Darüber hinaus kannst Du ihm Deine Wahrnehmung und die Perspektiven von anderen Familienmitgliedern anbieten: „Vorhin habe ich mit Zeit für uns ganz allein genommen und jetzt haben wir eine gemeinsame Zeit. Ich habe jetzt mit Deinem Bruder gelacht und vorhin haben wir zusammen gelacht.“ „Dein Bruder könnte eifersüchtig darauf sein, dass ich mit Dir Zeit allein verbracht habe und mit ihm nicht.“
  5. An-Erkennen der Gesamtheit. Wenn Dein Kind häufiger Wutausbrüche hat, geht es zum einen wahrscheinlich darum, endlich seine Enttäuschung, seine Wut haben zu dürfen. Wenn Du diesen Teil Deines Kindes nicht an-erkennst, negierst Du einen Teil seiner Persönlichkeit! Dein Kind kämpft daher so vehement um die Anerkennung seiner ganzen Person. Es will sich absolut sicher sein, dass es so geliebt wird, wie es ist. Und andererseits:
  6. Menschenrecht auf seine Gefühle! Es darf traurig sein, wenn sein Spielzeug kaputt oder verloren gegangen ist. Weinen ist eine körperliche Ausgleichsreaktion. Durch die Tränen werden Stresshormone aus dem Körper geschwemmt. Menschen die noch Weinen können, sind gesünder! Gerade abends weinen die Kinder häufiger: „Sie ist schon drüber.“ „Er ist heute echt fertig.“. Wie wäre es, wenn Du das nächste mal anstatt dessen etwas wertschätzendes denken oder sagen könntest? „Ich freue mich, dass mein Kind seine Stresshormone so gut ausschütten kann.“ „Schön, wie sehr sie im Kontakt mit ihrem wahren Gefühlen ist, ich kann mir daran ein Beispiel nehmen.“

4 Kommentare zu “Wutausbrüche bei Kindern? Trotzphase? Hier kommt erste Hilfe!

  1. Liebe Stefanie, das Recht auf Gefühle anerkennen, wie wahr. Das ist ein richtig guter Beitrag, den Du da gezaubert hast. Ich gratuliere Dir.
    Auch schön die Idee, das Thema in Bild und Sprache zu bringen und auch noch den Text dazu.
    Endlich nehme ich mir die Zeit, Deinen Beitrag in Gänze aufzunehmen.
    Herzlich Erdmute

    View Comment
    • Liebe Erdmute, es ist wahrlich „Wut-Arbeit“ nötig. Die meisten Erwachsenen haben selbst mehr oder weniger nicht wütend sein dürfen.
      Das scheint sich in unsere Körper gebrannt zu haben, eine wirklich spürbare innere Härte. Oft sind beispielsweise die Bauchregionen sehr verhärtet. Die Muskeln brauchen ebenso Zuwendung wie die Gedanken und Bewertungen auf der kognitiven Ebene. Wir haben genaue oder diffuse Vorstellung darüber, wie die eigene und die Wut des Anderen sein darf. Laut, leise, ein paar Minuten lang, mit oder ohne Ausagieren… Ein spannendes Thema jedenfalls, vorallem im Umgang mit kleinen Kindern, die noch ganz bei ihren Gefühlen sind!

      View Comment
  2. Ich finde es sehr hilfreich zum Thema Wutausbrüche die hat unser Sohn gerade aber richtig schlimm er schreit versucht sein Spielzeug kaputt zu machen haut gegen die Tür und tritt mich zieht an meinen Klamotten
    wenn Papa mit ihm lauter redet odet schimpft weil er nicht hört fängt er an zu weinen bin abunzu total überfordert damit

    View Comment
    • Liebe Sandra, solche starken emotionalen Äußerungen sind immer als hilfloses Kommunikationsmittel zu sehen. Dein Sohn findet gerade keine andere Möglichkeit, sich auszudrücken. Es ist gut, das Verhalten einfach zu reflektieren: „Du bist gerade richtig verzweifelt, wütend, sauer, .. Du wolltest noch weiter machen/ mehr davon essen/ das am liebsten kaufen…“ Wenn Du in Dich gegangen bist, und die Beschränkung beibehalten möchtest, stehe ihm einfach bei. Geh nicht weg. Sorge als erstes für einen ausgeglichenen Gemütszustand bei Dir (das ist die schwierigste Aufgabe!!!), dann kannst Du ihn begleiten, bis sich die Wogen geglättet haben. Wie gehst Du aber mit Deiner eigenen Wut um? Hinterfrage Deine Annahmen: „Wenn das jemand sieht. Wo soll das noch hinführen, wenn er erst älter wird. Sowas kann man nicht durchgehen lassen.“ oder was auch immer Du in diesen Momenten denkst. Kannst Du mit absoluter Sicherheit behaupten, dass das wirklich so ist? Das ist ein erster Schritt… Viel Geduld und Selbst-Gütigkeit! herzlichst Stefanie*

      View Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*